Heiß, heißer, Milano!
Von wegen spröde. Italiens zweitgrößte City buddelt ihre lang versteckten Schätze aus
Moderne Kunst in alten Palazzi, Da Vinci im mondänen Einkaufstempel, blühende Innenhöfe, fabelhafte neue Hotels, Rooftops, Restaurants. Olympia 2026 kann kommen!
Via Montenapoleone, 27 B. Im Flagshipstore von Montblanc ist gerade ein Event für treue Kunden und Gäste im Gange. Motto: „Eine olfaktorische Experience“. Bewährte und neue Düfte des Hauses werden zum Schnuppern gereicht. Zwischendurch lässt sich vom ersten Stock der Boutique buchstäblich hinabschauen auf die unten am Openair-Catwalk vorbeitrippelnden Shopaholics aus aller Welt. Wie auch Montblanc, das sich längst nicht mehr nur über seine edlen Füllfedern definiert, hat auch Mailand sein Repertoire ständig erweitert: Nicht mehr nur Business- und Messestadt, Mode- und Design-Mekka, Kunst- und Kulturhochburg, sondern auch Hospitality-Hub und Wellness-Hotspot, dank frischer Highend-Hotels und einer erst im April eröffneten Therme an der Flanke des San-Siro-Fußballstadions, Heimat des Champions- League-Finalisten Inter Mailand. Apropos Spitzensport: Jetzt, wenige Monate vor den Olympischen Winterspielen kommenden Februar in Mailand/Cortina, scheint Italiens zweitgrößte City ihr Tempo noch einmal zu erhöhen. „Open House“-Veranstaltungen in privaten Residenzen, den normalerweise uneinsehbaren Hinterhöfen, Restaurierungen historischer Gebäude, Ausstellungen, Klavierkonzerte, kulinarische Fusionen, Zukäufe, Übernahmen.
So krallte sich etwa Prada um 1,25 Milliarden Euro Versace – die Firmensitze liegen in Mailand nur vier Kilometer auseinander. Schön, dass es auch noch eine Etage kleiner geht, zum Beispiel bei der Kollaboration von Louis Vuitton mit dem Da Vittorio Cafe’. Trotzdem kann der Einlass am Wochenende schon mal dauern. „Bis zu eineinhalb Stunden“, flüstert mir die freundliche Hostess verschwörerisch zu. Heute abend ist die Schlange der auf einen Luxus-Snack Wartenden immerhin enden wollend – weil hier an der Adresse Via Montenapoleone 2 recht bald Geschäftschluss ist.
451 Meter Luxus-Wahnsinn
Sonst scheint die Marken-Manie hier im Epizentrum des Fashion-Distrikts keine Pause zu kennen. Die durchgängig piekfeinen 451 Meter mit den höchsten Shop-Mieten machen die Via Montenapoleone mittlerweile zum teuersten Einkaufspflaster der Welt. Im 18. Jahrhundert hatte an diesem Ort noch Maria Theresia von Österreich ein Pfandhaus aufgesperrt, das später geschlossen und von Napoleon wiedereröffnet wurde, dem Namensgeber der heutigen Edelmeile. Auch Kunstfans haben ihr Paradies: „Grande Brera“. Bei diesem bedeutenden Revitalisierungsprojekt im Boho-Viertel Brera handelt es sich um einen Zusammenschluss der Gemäldegalerie Pinacoteca mit anderen Institutionen wie dem Palazzo Citterio, einem gefeierten Modern-Art-Space.
In der Pinacoteca lassen sich über 400 Meisterwerke vom 14. bis zum 19. Jahrhundert bestaunen. Viele Schulklassen sind unter den Besuchern, die Kinder sitzen am Boden und lauschen der Lehrerin. Auch die erwachsenen US-Gäste sind nicht zu überhören: „Lovin’ it!“.
Eigene Kunstwerke sind auch zwei der neuesten Luxushotels Mailands. Allein die Anmutung des „Portrait“ mit seinen antiken Säulen und der größten Piazza des Modeviertels ist schon eine Sensation für sich. Ehe die Ferragamo-Familie das Gebäude hinter dem prächtigen Barockportal am Corso Venezia 11 für sein Hospitality-Projekt von der Mailänder Kurie leasen durfte, lag es lange brach – kaum wer wusste von der versteckten Struktur, die im Lauf der Jahrhunderte als erzbischöfliches Priesterseminar, Internat, Militärspital, Gefängnis oder Architekten-Atelier diente.
Lässig zu Mokka und Aperitivo
Jetzt ist es eine lebendige Nobelherberge aus der Lungarno Collection „ohne Weiße-Handschuh-Attitüde“, wie die Marketing- und PR-Managerin Sara Guerini zu Recht behaupten darf. „Wir wollen italienisch sein, ungezwungen, leger“. Die Mailänder schätzen den Aperitivo und die Live-Musik in den historischen Kolonnaden genauso wie die internationalen Gäste, darunter Designer, Schauspieler, Firmenbosse, Sportgrößen. Ein weiterer Anreiz könnte das „beste Frühstück Italiens“ (Best Luxury Hotel Awards 2024) inklusive Mokka-Ritual sein. Nostalgisch stimmen alte Schwarzweiß-Fotos mit Salvatore Ferragamo als Schuhmacher unsterblicher Hollywood-Stars wie Audrey Hepburn.
Sehr heutig wiederum wirken das Longevity-Spa und das Wohn- und Wohlgefühl in den 73 Zimmern mit reichlich toskanischem Marmor sowie die Anregung zur Nachhaltig- statt Maßlosigkeit: „Spare Wasser. Jeder Tropfen zählt“, lautet die Botschaft auf dem Spülknopf der Toilette meiner Junior-Suite. Ebenfalls als urbane Oase, aber mit komplett anderen Attraktionen, glänzt das „Casa Brera“ aus Marriotts Luxury Collection: Erstaunlich ruhig ums Eck von der Scala und dem Trubel am Domplatz gelegen, bietet es den einzigen Rooftop-Pool eines Mailänder Luxushotels und mit dem angrenzenden „Etereo“ im achten Stock ein populäres Ristorante mit Traumaussicht. Lunch-Empfehlung: Die Pasta mit Muscheln könnte eine Nonna wohl nicht besser hinkriegen. Zu ebener Erde wird im „Odachi“ unter der Leitung von Küchenchef Haruo Ichikawa, dem ersten japanischen Koch, der in Italien einen Michelin-Stern ergatterte, geschmaust.
Arien aus der Suite
Nur wenige Gehminuten entfernt, an der Via Manzoni, trieft das 1863 gegründete „Grand Hotel et de Milan“ vor Geschichte: Hier gingen Celebrities wie Hemingway und Nurejew ein und aus, und dank der bloß 674 Schritte entfernten Scala natürlich auch Superstars der Oper. Man meint noch immer die Arien zu hören, die nach einer Othello-Premiere spontan von einem Balkon des altehrwürdigen Hauses geschmettert wurden. Und auch der große Enrico Caruso, der 1902 in einem zum Tonstudio umfunktionierten Zimmer eine Langspielplatte aufnahm, hallt noch immer in einer ihm gewidmeten Suite nach. Giuseppe Verdi logierte 27 Jahre im „Milan“, bis zu seinem Tod. Und mit Maria Callas zoffte sich ein weiterer illustrer Stammgast an der Rezeption mit ihrem Ehemann leidenschaftlich darüber, welche Juwelen sie zu ihren Auftritten im „Teatro alla Scala“ ausführen sollte.
Ebenfalls in der Nähe des historischen „Milan“ und doch Lichtjahre entfernt: Das Philipp-Plein-Hotel: von außen unauffällig, im Inneren mit dem gewohnt schrillen Bling-Bling des deutschen Modedesigners. Alles in allem eine riesige Bandbreite, die Mailand auszeichnet und die die PR-Lady Guerini vom „Portrait“ überaus optimistisch stimmt für die unmittelbare Zukunft: „Olympia wird einen weiteren Schub auslösen und den Gästen demonstrieren, was die Stadt so draufhat, über die üblichen Assoziationen hinaus. Die EXPO vor zehn Jahren war der erste erfolgreiche Test, wie gut wir Dinge organisieren können.“
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