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Mein Tipp mit den Tips

11. April 2017

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Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich liebe meinen Job! Wirklich!!

Warum ich mir trotzdem überlege, auf die beliebte Party-Frage „und was machen Sie so beruflich?“ einfach mal „Flechtwerkgestalter“, „Amöbenforscher“ oder „Golfballtaucher“ (gibt’s in US-Golfclubs übrigens tatsächlich und ist mit $ 65 in der Stunde eigentlich auch gar kein so schlecht bezahlter Beruf ...) zu antworten? Weil ich das Wort „Kreuzfahrtjournalist“ normalerweise kaum ausgesprochen habe, bevor mir auch schon wieder die drei immer gleichen Fragen gestellt werden:

1. „Sagen Sie mal, schläft die Besatzung eigentlich auch an Bord?“ (Nein, die müssen nachts in kleine Schlauchboote steigen und werden dann an Seilen hinter dem Schiff hergezogen.)
2. „Produzieren die den ganzen Strom auf so großen Schiffen wirklich selbst?“ (Nein, die haben kilometerweise Kabel dabei, damit sie immer mit einer Steckdose an Land verbunden bleiben können.)
3. „Und wie ist das denn nun mit dem Trinkgeld? Muss man das zahlen und wenn ja wann, wem und wie viel?“ (Liebe Leute, wenn ich das nach fast 25 Jahren auf hoher See so genau wüsste ...)

Womit wir aber auch schon beim eigentlichen Thema dieses Bordbuch-Eintrags wären: dem richtigen Tippen. Ganz pauschal lässt sich dazu eigentlich nur eins sagen: der Kapitän kriegt nichts! Niemals!!

Und für alle anderen gilt: Achten Sie auf das Kleingedruckte in den Reedereiangaben. Bei vielen internationalen Anbietern ist es inzwischen üblich, das Trinkgeld in den Reisepreis zu inkludieren. Oder es wird automatisch vom Bordkonto abgebucht (wogegen man sich selbstverständlich wehren kann, wenn man partout nicht bereit ist, der zumeist schlecht bezahlten Crew einen zusätzlichen Tagesobolus von 7 bis 12 Euro zukommen zu lassen). Bei einigen Reedereien liegen am Ende der Reise mitunter auch Umschläge fürs Trinkgeld in der Kabine bereit. Üblich sind dann Beträge von zwei bis vier Dollar pro Gast und Tag für das Zimmermädchen sowie fünf bis acht Dollar für die Kellner.

Ich selbst gehe es jedoch lieber etwas flexibler und persönlicher an. Selbst auf All-Inclusive-Schiffen ist es mir eine kurze Thanks-Note und ein paar Dollar Tip wert, wenn sich der Kabinen-Steward ab dem dritten Tag der Reise endlich merkt, dass ich es hasse, wenn das Bettlaken morgens unter der Matraze eingeschlagen wird. Und wenn der Concierge eines Luxusschiffes sich die halbe Nacht um die Ohren schlägt, um mir kurzfristig einen Mietwagen in den nächsten Hafen zu bestellen, dann entlohne ich das selbstverständlich auch von Herzen gerne – auch wenn der Concierge normalerweise nicht auf der Trinkgeld-Liste steht. Gleiches gilt übrigens auch für aufmerksame Bartender, bemühte Masseure, lieblingsliederspielende Barpianisten ...
Mitdenken und den gesunden Menschenverstand nicht an der Pier zurücklassen, lautet meine Devise. Dann klärt sich nicht nur die Sache mit dem Tip wie von selbst, sondern auch so manch’ blöde Frage bliebe garantiert ungefragt. Und ich bräuchte mir auch keine Gedanken mehr darüber machen, ob man als Golfballtaucher eigentlich auch hier bei uns in Österreich (Zweit)Karriere machen kann...

Text: Jörg Bertram



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